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Tango und Politik

Ein Statement von Jörg Buntenbach (Herausgeber vom Onlinemagazin TANGO SOCIETY und Tango-DJ):



Blogbeitrag zur Aktionswoche "Tango gegen Rechtsextremismus und für eine starke Demokratie"


Der Verein proTango e.V. ruft aktuell zur Aktionswoche „TANGO GEGEN RECHTS“ (im Untertitel „Gegen Rechtsextremismus und für eine starke Demokratie“) auf. Es wird u.a. ein Aktionsplakat zum Download bereitgestellt, das Tangostudios sowie Milonga- und Konzertveranstalter in ihrer Location aufhängen können. In der begleitenden Facebook-Gruppe wird rege über die Aktion diskutiert.


Während die meisten Zustimmung signalisieren, gibt es auch Stimmen, die der Meinung sind, dass Tango nicht mit Politik vermischt werden sollte. Das ist nachvollziehbar: Der Tango soll dazu dienen, Abstand vom Alltag zu gewinnen und andere Menschen in angenehmer Atmosphäre zu treffen. Probleme sollen draußen, außerhalb der Blase bleiben.


In einer Zeit, in der Rechtsextreme an Einfluss und Macht gewinnen und zukünftig vielleicht sogar Regierungsverantwortung übernehmen könnten, halte ich ich diese Einstellung für grob fahrlässig. Die Rechtsextremen werten Schweigen für Zustimmung. Sie testen Grenzen aus - und wenn niemand widerspricht, gehen sie Schritt für Schritt weiter. Das kann man nachlesen (nicht erst seit der Correctiv-Aufdeckung) und in vielen Lebensbereichen tagtäglich erleben: Auf kommunaler Ebene werden Bürgermeister und andere nicht genehme Politiker:innen und Bürger:innen mit anderer Meinung bedroht und angepöbelt. Wollen wir tatsächlich, dass Gewalt, Hass und Hetze die (politischen) Diskussionen bestimmen, statt Argumente und der demokratische Kompromiss zwischen den verschiedenen Interessengruppen? Wollen wir das so hinnehmen und weiter fröhlich Tango tanzen, als ginge uns das alles gar nichts an? Wollen wir, dass nichtdeutsche Tangueras und Tangueros und Nicht-Linientreue Deutsche womöglich ausgewiesen werden und nicht nur die Tangoszene dadurch ärmer wird?


Es muss jedem klar sein, welche Ziele das rechtsextreme Netzwerk in Deutschland und Europa verfolgen. Einige Landesverbände der AFD wurden als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft.


Und noch ein Punkt: Ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus und für eine starke Demokratie zu setzen bedeutet nicht gleichsam, mit der aktuellen Politik insgesamt einverstanden zu sein. Darüber lässt sich (demokratisch) streiten. Natürlich hat es seinen Grund, warum sich so viele von den so genannten etablierten Parteien abwenden und enttäuscht sind. Gründe liegen sicher in der Unsicherheit, die gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen (Klimawandel, höhere Lebenshaltungskosten, Leistungsdruck, Ungleichheit zwischen oberen und unteren Lohngruppen, niedriges Rentenniveau und und und).


Was ist den Leuten zuzumuten? Ist es richtig, weiterhin auf einen neoliberalisierten Markt zu setzen, statt dafür zu sorgen, dass es um das Gemeinwohl gehen sollte (genug Wohnraum und bezahlbare Mieten, gute Arbeitsbedingungen, Aufwertung von Berufen in der Pflege, im Sozialbereich etc. durch Löhne, die ausreichen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen ohne mit Bürgergeld aufstocken zu müssen?


Und dann ist da noch der Punkt der Migration! Dahinter steckt aus meiner Sicht die Angst vor Fremden. Die Angst davor, dass man selbst zu kurz kommt, das einem etwas weggenommen wird. Die Zuwanderung nach Deutschland wird als bedrohlich wahrgenommen - aber warum sieht man darin nicht ein Chance? In der Geschichte gab es immer Zuwanderung. Am Ende und nach dem 2. Weltkrieg flüchteten rund 14 Millionen Menschen von den damaligen deutschen Ostgebieten nach West- und Mitteldeutschland. Auch diese Menschen waren damals nicht willkommen. Auch sie wurden angefeindet.  Kein Ruhmesblatt in der Chronik der deutschen Geschichte.


Und noch ein letzter Punkt: Tango war im Grunde immer politisch (es gibt sogar ein Buch von Franco Fabricio Barrionuevo zum Thema. Der Titel: „Politischer Tango - Intellektuelle Kämpfe um Tanzkultur im Zeichen des Peronismus“. In den 1970er und Anfang der 1980er Jahre hatte der Tango während der Diktatur einen schweren Stand in Argentinien. Damals haben viele das Land verlassen (müssen).


Deshalb: Auch die Tangoszene muss sich die Frage stellen, ob sie sich aus allem Politischen raushalten kann. Die Aktionswoche von proTango e.V. gegen Rechtsextremismus und FÜR Demokratie ist nötig und richtig.



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Der argentinische Tango wurde maßgeblich von Migranten erfunden, darunter sehr viele Juden und Jüdinnen aus Europa. Aus Angst vor Antisemitismus haben viele von ihnen nicht unter ihren jüdischen Namen, sondern unter Pseudonym veröffentlicht. Tango bietet auch heute vielen Migranten und Migrantinnen ein immaterielles Zuhause und lebt von dem inspirierenden Austausch zwischen den Kulturen. Jede Ausprägung rechtsextremen Gedankenguts hat im Tango nichts verloren, egal ob es sich gegen Juden, Moslems, Frauen oder gleichgeschlechtliche Liebe richtet. Danke an Jörg Buntenbach, dass er dazu einlädt, die eigene Haltung zu reflektieren und Position zu beziehen. Gegen ein gesellschaftliches Klima der Angst und populistischen Parolen, für einen demokratischen Dialog über Lösungen.

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Dank für dieses Statement!

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Kat F
Kat F
Feb 03
Rated 5 out of 5 stars.

Vielen Dank für dieses wahrhaft gold.richtige Statement - Du schreibst mir und uns absolut aus der Tango.Seele ! KF

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