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Ein Tänzer bewegt nicht seinen Körper, sondern den Raum

Kapitel 3 der Interview-Reihe mit der Tänzerin Nicole Nau. Die Gespräche wurden von der Berliner Autorin Lea Martin geführt.



Interview-Reihe mit der Tangotänzerin Nicole Nau bei TANGO SOCIETY
Luis Pereyra & Nicole Nau


Lea Martin:

Ich würde gern besser verstehen, was für dich anders war, an dem Tango von und mit Luis?


Nicole Nau:

Luis hat mich in diese Welt eintauchen lassen, und dieses Eintauchen hat mir gezeigt, wie man in Musik eintauchen muss. Man betritt Musik nicht, man tritt nicht drauf, sondern man trägt sie. Man nimmt sie mit, trägt sie fort und legt sie wieder ab. Die große Regel des Tango Argentino gilt für jeden Tanz: Man bewegt Musik in Raum und Zeit. Ein Tänzer bewegt nicht sich und seinen Körper, sondern den Raum. Wenn man dieses Basiswissen, hat, dann bewegt ein Mann nicht die Frau oder sich, sondern den Raum vom Paar. In dem Raum ist die Frau. Als Frau — deswegen habe ich gesagt, ich bin ein kleiner GPS für die Männer — bewege ich nicht mich, und ich bremse auch nicht ihn, sondern ich trage das Paar. Das ist der ganze Raum. Tango Argentino hat eine sehr klare Rollenverteilung, mit den Rollen Mann, Frau, Paar. Immer wieder höre ich: Aber es haben auch Männer zusammen getanzt. Dann sage ich: Nein, sie haben nicht zusammen getanzt, sie haben zusammen geübt. Das tun sie auch heute noch. Denn im Tango lernt man am besten, indem man es tanzend spürt und macht, oder zuschaut und tanzend nachmacht, nicht, indem man etwas analysiert. Man kann natürlich auch nur gucken, aber man kann sich sehr gut gegenseitig etwas zeigen. Sie haben sich gegenseitig etwas gezeigt, damit sie mit den wenigen Frauen, die es gab, tanzen konnten. Wenn es wenige Frauen gibt und viele Männer, sind Frauen kostbar und sehr wählerisch. Das ist das Problem von heute. Dass es viele Frauen gibt und wenige Männer und die Männer dummerweise wählerisch werden. Mit einem Mann, der die Führungsrolle hat und nicht gleichzeitig bescheiden bleibt, indem er der Frau den wichtigsten Platz gibt, sie schützend führt, sie ehrt und achtet, geht der Tango nicht auf. Dieser Mann macht dann etwas Anderes. Er tanzt keinen Tango mehr. Es ist egal, ob du als Mann oder Frau führst, du musst sagen, ich nehme die Rolle des Mannes ein, oder die Rolle der Frau. Aber die Frau ist keinesfalls die Passive, im Gegenteil, ich erlebe die Frauenrolle als unglaublich aktiv und wichtig. Luis sagt das mit den Worten: »Die Frau ist alles. Ohne eine Frau machst du nichts.« Das sind wichtige Inhalte. Mit der Folklore habe ich gelernt, dass man, egal, was du tanzt, den Rhythmus forttragen muss, man kann nicht aussteigen. Der Tango Argentino hat keine Choreografie, er ist frei, weil die Musik frei geschrieben ist, auf dieser Struktur. Eine Chacarena beispielsweise hat genau acht oder zwölf oder sechs Takte, das sind feste Strukturen, die immer bleiben. Ein Tänzer weiß, jetzt beginnt der Estribillo, dann die Melodie, jetzt beginnt der Gesang, dann ist er zu Ende. Innerhalb dieser Struktur ist er frei. Er weiß genau, wie viel Zeit er hat und wie diese Struktur ihn trägt. Im Tango ist es auch so, aber eben nicht festgelegt. Der Tango ist viel freier, variiert. Es gibt eine Grundstruktur, aber der Musiker ist frei, sie zu bespielen, etwas auszulassen oder etwas zu ergänzen. Er muss die A-B-Form erfüllen, wenn es die modernen Tangos sind, Guardia Nueva, ab den 1920, 1940er Jahren, und er muss die A-B-C- Form erfüllen, wenn es die Guardia Vieja ist. Dadurch, dass die Musiker etwas hinzufügen dürfen, haben wir keine feste Choreografie mehr. Wir improvisieren mit den Musikern zusammen. Das ist das Spannende. Es ist frei, aber nicht beliebig. Es ist wie Sprache. Sprache ist frei, aber nicht beliebig. Wie die Musik sieben Töne hat, haben wir im Tango genau neun Elemente, aus denen alles entsteht. Wir haben nicht 80 Figuren, die wir in Argentinien lernen könnten. Es reicht, diese neun Elemente zu zeigen und wie man sie führt und kombiniert, als Anreiz, um selbst Kombinationen zu machen, die optimal in die Musik passen. Tango ist frei. Luis sagt immer: »Ihr könnt im Tango Argentino machen, was ihr wollt.« Vor allem die Umarmung ist frei. Die Beine haben eine Grammatik und ein ABC, das sollten wir lernen. Wenn man das kann, kann man frei kombinieren, in unendlich vielen Kombinationen. Das Problem heute ist, dass diese Markierung im Tango nicht bekannt ist. Wir freuen uns immer, wenn jemand eine eigene Kombination in die Musik legt, und hoffen, dass jemand eine schafft, die wir noch nicht kennen. Wir können ja alle frei sprechen, stundenlang. Nur mit ein paar Buchstaben und ein bisschen Grammatik.


Lea Martin:

Sprache spielt auch im Tangounterricht eine große Rolle. Über Tango zu sprechen, ist eine Kunst.


Nicole Nau:

Luis sagt, es gibt Tänzer, und es gibt Künstler. Es gibt Berufstänzer, und es gibt Künstler auf der Bühne. Aber insbesondere gibt es fundiertes Wissen und Können. 


Lea Martin:

Du bist eine Künstlerin.


Nicole Nau:

Luis sagt, es ist egal, was du als Künstler anfasst, es wird immer Kunst.


Lea Martin:

Ihr seid beide Künstler.


Nicole Nau:

Ja, er spielt so viele Instrumente, steppt, schreibt, macht Poesie. Er hat einige Musikstücke selbst geschrieben, die wir auf der Bühne aufführen. Gut zu tanzen, reicht nicht für die Kunst. Ich muss dir nicht zeigen, wie hoch ich ein Bein heben kann. Das ist vollkommen uninteressant. Aber es ist wichtig, dieses Bein in der richtigen Musik zu bewegen. Es geht darum, andere Menschen einzubeziehen in eine andere Welt, sie zu entführen, dass du, wenn du im Publikum sitzt, erlebst, was ich da oben tanze.



Foto: Arndt Gockisch


2 Kommentare

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2 Comments

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Ein sehr inspirierendes und motivierendes Interview.. Es macht grosse Lust ,mit "einzutauchen ".

DIe von Nicole gewählten Erläuterungen und Vergleiche zeugen von ihrer eigenen grossenLeidenschaft und dem Wunsch andere Tänzer mitzunehmen in diese Welt des wahren Tangos und dessen Musik.

Sylvia aus Neuss

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Wer Antworten erwartet, sucht nicht.


....wie Luis sagt: „ es ist ein lebenslanger Prozess".


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